Das Phänomen Trump

Washington-Korrespondent Stefan Koch ist Gast bei der Stiftung der Ursulinen Duderstadt

Wie kam es zu Trump? Und wie ticken die Amerikaner eigentlich? Die Besucherzahl beim zweiten Vortrag des Auslandskorrespondenten Stefan Koch in der St.-Ursula-Aula toppte die erste Veranstaltung vor drei Wochen. Rund 150 Leute interessierten sich für die Hintergründe der aktuellen deutsch-amerikanischen Beziehung.

Eingeladen hatte die Stiftung der Ursulinen Duderstadt, doch Gästebereichsleiterin Sabina Mitschke stellte schon bei den Anmeldungen fest, dass auch dieses Mal der Raum im Ursulinenkloster zu eng werden würde und man wieder in die Aula ausweichen müsse. Außerdem war der zweite Vortrag eigentlich keine Wiederholung, sondern eine Ergänzung zur ersten Veranstaltung. Der gebürtige Duderstädter Stefan Koch lebte als Auslandskorrespondent rund zehn Jahre in den USA und verfolgte in Washington hautnah den Wechsel von Obama zu Trump. In seinem neuesten Buch „10 Jahre Amerika“ schildert er aber auch, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass der Großunternehmer Donald J. Trump zum Präsidenten der USA gewählt wurde.

Ursulinen sind seit rund 500 Jahren auch in Amerika

Nachdem Sr. Ingeborg, Geschäftsführerin der Duderstädter Ursulinen-Stiftung, die Gäste begrüßt hatte, nahm Koch den Faden auf und gab Einblicke in die nun fast 500 Jahre andauernde Geschichte der Ursulinen in Amerika. Noch heute betreibe der Orden die älteste Mädchenschule in den USA, erklärte Koch und betonte den weltweiten Zusammenhang von Armut und mangelnder Bildung, was die Ursulinen seit Jahrhunderten (besonders für Mädchen) erkannt hatten.

Ein Zeitsprung führte ins Jahr 1848. Nachdem die Deutsche Revolution gescheitert war, seien in den folgenden Jahrzehnten viele Deutsche nach Amerika ausgewandert, im Gepäck kaum viel mehr als den Traum von Freiheit und Demokratie, der sich in Europa bis dahin nicht erfüllt hatte. Für diese Werte stand Amerika damals schon. Doch was ist daraus geworden im 21. Jahrhundert?

Trump werde heutzutage in Umfragen in einem Atemzug mit Putin und Ergo?an genannt und in Deutschland als äußerst bedrohlich wahrgenommen, stellte Koch fest. Und auch er selbst habe Trumps Amtseinführung als beängstigend empfunden. Doch auf der Suche nach den gesellschaftlichen Ursachen für das Phänomen Trump sei die Angst inzwischen gewichen.

Europa und USA treten für gleiche Werte ein

Koch verglich das Amerika-Bild in den heutigen deutschen Medien mit einem kleinen beleuchteten Part auf einem großen Gemälde. Statt eine fokussierte Betrachtungsweise zuzulassen, riet Koch, uns lieber an unser gemeinsames Fundament zu erinnern. „Europa und die USA treten für die gleichen Werte ein. Das geht in den schrill geführten Debatten oft unter“, sagte Koch. Immerhin hätten drei Viertel der US-Amerikaner Trump nicht gewählt. Und als Folge der Gegenbewegung zum amtierenden Präsidenten seien zurzeit mehr Frauen denn je im amerikanischen Kongress, verwies Koch auf positive Seiten.

Um zu verstehen, wie ein Donald Trump überhaupt zum Präsidenten gewählt werden konnte, helfe ein Blick auf die alltäglichen Lebensrisiken der Amerikaner. Den US-Bürgern werden seit Beginn ihrer Demokratie (1776) individuelle Freiheiten zugesprochen, erklärte Koch. Auf dem eigenen Grundstück könne im Grunde jeder leben wie er wolle. Aber die Eigenverantwortlichkeit der Bürger habe einen hohen Preis – besonders in Bezug auf Kranken- und Rentenversicherung und Bildung. Die Vorzüge einer Grundversorgung, wie sie in Deutschland für fast alle zugänglich ist, seien in den USA nur denen vorbehalten, die sich das teure System auch leisten könnten, und dazu zählten – insbesondere nach der Finanzkrise 2008 – nur rund die Hälfte aller US-Bürger. Die Folgen von 2008 seien in den USA bis heute spürbar, und auch der große Hoffnungsträger Barack Obama konnte die Situation derer, die ohnehin nicht viel besaßen und dann alles verloren hatten, nicht maßgeblich verbessern.

US-Bürger misstrauen der eigenen Regierung

Tief verwurzelt sei in den USA das Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung. So schnell, wie Trump also an die Macht gekommen sei, könne er vom eigenen Volk auch wieder abgeschafft werden, meinte Koch. In den Medien werde zwar ein kühles Verhältnis zwischen Donald Trump und Angela Merkel vermittelt, doch in allen unteren Regierungsebenen gebe es weiterhin einen routinierten Austausch zwischen Deutschland und Amerika, so Koch.

Dennoch prophezeite er „massive Veränderungen der Machtverhältnisse weltweit“ und hatte dabei besonders die Entwicklungen in China im Fokus, den möglichen Ausbau des 5G-Mobilfunknetztes durch Huawei in Deutschland und die damit einhergehende Sorge der USA um digitale Sicherheitslücken. Huawei habe – wie alle erfolgreichen chinesischen Unternehmen – eine große Nähe zum autoritären chinesischen Regime.

Kochs Appell an seine Zuhörer im Eichsfeld: „Wir sollten uns alle mehr mit dem beschäftigen, was draußen passiert, weil es uns auch hier in Duderstadt angeht.“

Die Erlöse aus dem Verkauf seines Buches „10 Jahre Amerika“ gingen an den beiden Vortragsabenden komplett an die Stiftung der Ursulinen Duderstadt, die mit den Veranstaltungen der ureigenen Aufgabe der Ordensschwestern treu geblieben sind: Raum für Bildung zu öffnen.

Claudia Nachtwey